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Was ist los

Saturday, July 17th, 2010

Ich schrieb dies 1964-65 als ich in Köln bei BAZ (Bernd Alois Zimermann) studierte. Ich wohnte im Musik-Studentenheim mit einem Spnier in einem Zimmer, der morgens gleich Violine übte als ich von Nachtschicht zurückkam, um zu schlafen. Ich schrieb es in der Nacht in einem Hotel, wo ich als Rezeptionist arbeitete. Vor wenigen Jahren endeckte ich das Manuskript und bearbeitete es. Es ist bei G. Fischer, Anthologien… (Frankfurt) erschienen.

Was ist los?

‘Was ist los?’

Er warf den alten Mann einen Blick und schickte sich an, ihm zu antworten.

Der Alte wiederholte lauter ‘Was ist los?’

‘Was ist los?’, fragte der junge Mann.

‘Sie sagen, was ist los?’, sagte der Alte mit der Betonung auf ‘Sie’.

‘Ja, weil Sie es sagen’, erwiderte der Andere verlegen.

‘Was ist los?’, sagte der Alte, ‘weil Sie mich so anstarrten’.

‘Ich habe Sie nicht angestarrt’, sagte der junge Mann, und fuhr fort: ‘Ich habe Sie gesehen, wie ich ein… Ding, einen Baum sehe… Ich zweifle, Sie überhaupt angeschaut zu haben’.

‘Dann haben Sie mich eben ignoriert’, sagte der Alte mit erhobener Stimme.

Der junge Mann zögerte eine Weile und lächelte.

Der Alte fing von neuem an: ‘Nein, nein, Sie haben mich ausdrücklich angestarrt, als ob ich durchsichtig wäre’.

‘Nein, ich hatte keinen Grund Sie anzustarren und Sie hatten keinen Grund von mir angestarrt zu werden’. Während er das sagte, überlegte er, was er noch sagen sollte, sprach weiter, etwas hastig: ‘Sie sind kein Mädchen, dem man his hoch an den Schenkel sehen könnte, und ich bin kein Kriminalbeamter, der etwas Verdächtiges an Ihnen finden könnte’.

‘Hoffentlich ist das alles nicht wegen dieses Dinges’, sagte der Alte, und hob sein rechtes Holzbein. ‘Aber ich bin Kriminalbeamter’, und mit befehlender Stimme: ‘Setzen Sie sich’.

Er saß auf einer Bank und bewegte seinen Stock. Sein Gesicht war holzig-trocken. Man hatte das Gefühl, dass es zersplitterte. Mitunter suchte er in seiner Tasche nach Brotresten und streute sie den Tauben hin, die sich um ihn gesammelt hatten. Es war Spätnachmittag. Leute kamen und gingen und warteten auf die Strassenbahn. Müde waren sie, und eilig hatten sie es. Nicht nach rechts und links schauend, gingen sie alle stur ihren Weg. Eine alte Frau kam und setzte sich auf die andere Seite der Bank.

‘Oh, es freut mich sehr’, sagte der junge Mann: ‘Ich habe noch nie mit einem Kriminalbeamten gesprochen’_ ohne sich hinzusetzen.

‘Ja, ich bin’s. Setzen Sie sich’.

Es überfiel ihn etwas Angst, zweifelte, ob er sich setzen sollte, bewegte sich ein wenig, sagte dann mit vorsichtiger Stimme: ‘Zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis’.

Der Alte richtete sich auf, seine Hand fuhr in die Innentasche und brachte eine Handvoll Papiere heraus. Er wühlte und wühlte in den Papieren, brachte sie wieder in Ordnung, blätterte sie schnell um und stopfte sie wieder in seine Tasche: ‘Ich bin kein Kriminalbeamter’.

‘Scheinbar wollten Sie aber einer sein. Sie wären auch stolz darauf’.

‘Natürlich. Ich war es einmal’.

‘Es ist mir egal. Es geht mich nichts an. Sie wollen mir wohl nicht Ihren Labenslauf erzählen, oder?’

Ein kleines Mädchen ging mit seiner Mutter vorbei. Es lutschte und leckte an einer Zuckerstange und schaute den Alten an. Der Alte winkte zu. ‘Ein kleines Mädchen’, flüsterte er. Das Mädchen drehte sich um und klammerte sich an die Mutter.

‘Er ist aggressiv’, dachte der Alte. ‘Wo kommen Sie her? So können Sie sich in dieser Stadt nicht benehmen. Sie werden von den Jungen verhauen. Na, wo kommen Sie her?’

‘Sie fragen zu viel. Ich bin seit zehn Tagen hier. Es steht Ihnen nicht zu mich auszufragen’.

‘Ich bin auch nicht von hier, bin erst vor acht Tagen hergekommen’.

‘Sehen Sie mal, hier bin ich zwei Tage länger als Sie zu Huase’.

‘Das verstehe ich nicht’, sagte der Alte.

Die Frau auf der anderen Seite der Bank wandte sich dem Alten zu: ‘Es ist ja klar, er wohnt ja da und…’. Der junge Mann unterbrach sie und sagte dem Alten: ‘Sie können im Wörterbuch nachschlagen, was Sie nicht verstehen’.

‘Zu Hause, zu Hause’, sagte die Frau. ‘Wer ist hier zu Hause. Ich wohne seit 50 Jahren hier und fühle mich nicht zu Hause. Ich denke, mein Mann kommt und nimmt mich mit’.

‘Wo ist er hingegangen’, fragte der Alte. ‘In den Krieg’, sagte die Frau. ‘Auf Wiedersehen, meine Strassenbahn kommt schon’.

Die beiden Männer schwiegen und begleiteten sie mit den Augen bis sie in die Strassenbahn einstieg. Sie war noch kräftig und hatte einen festen Gang.

‘Ihr Hut sieht von hinten aus wie eine Lokomotive. Das fiel mir nicht auf während sie sprach. Wie man sich in Worten verliert. Soll man alles bemerken, assoziieren, vergleichen? Was bin ich denn, wenn ich mich dauernd an dies und jenes anhänge, dies und jenes an mich anhägen lasse? Gut, ich denke nicht an den Hut dieser Frau. Ich befreie mich davon. Ich werde an das denken, was ich bestimme. Einhalt gebieten der Invasion der Außenwelt. Ja, Ich werde mich umdrehen, ganz bewußt nach links drehen’.

Der junge Mann drehte sich nach links. Ein düster Schatten trübte seine Seele. Er sah Passanten mit Paketen und Einkaufstaschen. Zwei junge Bäume bewegten sich. Sie waren allein. Ihre Blätter schienen in den späten Nachmittagsstunden dunkel. Vier Strassenmusiker, ihre Instrumente unterm Arm, überquerten die Strasse. An der Wand gegenüber sah er Plakate für Zahnpasta. Ein Kind, ein Mann und eine Frau putzten lächelnd ihre Zähne. Ein Plakat zeigte ein Mädchen im Bikini, das eine Orangenmarmelade in der Hand hielt. Ein Pfarrer ging vorbei, mit hängenden Wangen, mit debilem Ernst, mit Brille.

‘Sich vor sich selbst bloßstellen. Putzen! Das ist es. Jeden Tag von vorne anfangen. Jeden Tag sich von allem befreien_ von all dem, was sich uns zu verzehren aufzwingt. Um die Suche des reinen ‘Ich’, ein unerreichbares ‘Selbst’, das weit in der Ferne funkelt und bei geringem Kontakt mit der Außenwelt stürzen allerlei Dinge in das Bewusstsein und das Funkeln hört auf und man bekommt Angst… Angst vor Verödetsein, vor Verfaultsein, Angst davon Vereinnahmt zu werden. Von Situation zu Situation zieht man sich durch, faul, fett und absurd. Was ist…’. Er konnte nicht weiter. Er fand es lächerlich, wie ein Soldat auf Befehl, sich nach links gedreht zu haben. ‘Wie der Mensch sich nur…’.

‘Passen Sie mal auf’, sagte der Alte. ‘Ich spreche vielerlei Sprachen und Sie brauchen mir nicht vom Wörterbuch zu erzählen. Ich spreche Sprachen’.

‘Sie sprechen also Sprachen’, erwiderte der junge Mann.

‘Mein Herr’, seinen Stock heftig bewegend, sagte der Alte: ‘Sie sind schizophren. Wissen Sie was das ist’.

‘Mein Herr’, den Alten immitierend, ‘erst als Kriminalbeamter und jetzt treten Sie als Psychiater auf. Sie sitzen auf einer Bank, gucken die Leute an, zeichnen mit Ihrem Stock Ihre Phantasien auf die Erde, taumeln Sie von einer identität in die andere. Ich bin gespannt, welche dritte Person aus Ihnen heraus kommt’.

‘Sie sind schizphren, mein Herr. Es ist alles zusammenhanglos, was Sie reden. Offenbar kann man sich mit Ihnen nicht unterhalten. Oder? Gehen wir in das Kaffeehaus drüben und unterhalten wir uns. Gleich auf der anderen Seite der Strasse. Ich kenne es. Ich war gestern da. Die Kellnerin ist nett und hat dicke Schenkel, woran Sie sich, übrigens, wenn sie sich bückt, satt sehen können. Ich sagte ihr, Ich komme wieder. Sie lachte und sagte, Sie sind jeder Zeit willkommen, mein Herr. Na, gehen wir hin?’, und warf den Tauben noch etwas hin, als sie ihn mit ihren nickenden Köpfen anquckten.

‘Sie drohen mir einmal mit Ihrem Stock und jetzt nach fünf Minuten laden Sie mich ein in ein Kaffeehaus zu gehen. Das finde ich komisch. Oder, wenn Sie wollen…’.

‘Sie fühlen sich bestimmt nicht komisch’, unterbrach ihn der Alte, ‘weil Sie auf zwei Beinen stehen’.

Man konnte eine Volksmelodie vernehmen, die von vier Zupfinstrumenten gespielt wurde. Einige leute sammelten sich um die Musiker auf der anderen Seite der Strasse. Der Alte zögerte eine Weile, sagte dann leise: ‘Sind Sie Jude?’.

‘Wie denn das?’

‘Nur so’.

‘Nein, ich bin nicht Jude’.

‘Aber ich bin’s’.

‘Ich habe es’, sagte der junge Mann: Krimininalbeamter, Psychiater, Jude.

‘Aber ich bin’s. Wirklich. Ich bin es’.

‘Ich wundere mich, mein Herr, dass Sie nicht gewordener Rrauch sind’.

‘Ja, es waren mal Zeiten…’, und er fing an, eine Zigarette zu rollen. Er gab den Eindruck eine lange Geschichte erzählen zu wollen.

‘Auf Wiedersehen’, sagte der junge Mann, ‘meine Strassenbahn ist da’.

Der Alte hörte auf seine Zigarette zu rollen und sah ihm nach, wie er sich von ihm entfernte.

‘Ich babe mich mit ihm unterhalten. Ich hätte von Anfang an, als er sagte Was ist los, den Kopf schütteln, ihm den Rücken zugedreht, weitergehen können. Ich hätte überhaupt nicht zu reagieren brauchen. Ja… Er wäre bestimmt nicht aufgestanden, hätte nicht, auf einem Bein hüpfend, mich verfolgt, auf meine Schulter geklopft und in mein Ohr geschrien Was ist los’.

Er war beim Einsteigen. Es waren zwei Strassenbahnen, die an der Haltestelle hielten. Der Gedanke, niemand würde ihn daran hindern in die falsche Strassenbahn einzusteigen, flößte ihm Angst ein.

Der alte Mann blieb unbeweglich. Die Sonne war schon längst weg. Die Stadt stand vor der Abendbeleuchtung. Mit dem Zigarettenpapier in der Hand hob er den Arm und winkte.

‘Vielleicht ist es zu früh nach Hause zu gehen’, dachte der junge Mann. ‘Einmal bitte’, sagte er dem Schaffner. Durch das Fenster las er 2563, das Kennzeichen eines fahrenden Autos. Seine Augen lasen das, ohne dass er es gewollt hätte. Die Nummer zwang sich seinem Bewusstsein auf: ‘Fünf minus drei ist zwei, die erste Ziffer. Drei, die letzte Ziffer, mal zwei, die erste, ist sechs die dritte Ziffer. Die letzte Ziffer minus der ersten ist gleich die dritte Ziffer minus der zweiten. Die dritte…’. Die Zugestiegenen drängten ihn nach vorne. Die Strassenbahn setzte sich in Bewegung. Auf der anderen Seite der Strasse las er Café Piccolo. Die Gestalt der Kellnerin konnte er durch das Fester der fahrenden Strassenbahn und durch Café Piccolos Fenster nicht wahrnehmen. Ein anderes Hindernis war auch, dass ihm die vielen Autos, die in dieser Stunde unterwegs waren, die Sicht versperrten.

Der alte Mann winkte noch. Mädchen gingen zu dritt und viert. Die Cafés zogen ihre Vorhänge zu und die Stadt leuchtete. Er begann wieder seine Zigarette zu rollen. Langsam war er und stellte sich vieles trübe vor. Die Musiker spielten und sangen ein bekanntes Lied und der Alte pfiff und murmelte mit. Es nieselte ein wenig. Er hob den Kopf und schaute schräg hinauf. ‘Ich muss gehen’, sagte er vor sich hin, ‘es regnet schon’. Er stand auf, steckte die Zigarette in den Mund, zündete sie an, und hinkte davon.